Vom Wilden Westen der Daten zur KI-Orchestrierung
Don Murray, Gründer und CEO von Safe Software, besuchte axmann geoinformation im Februar 2026 aufgrund der positiven Entwicklung und steigenden Nachfrage nach FME-Software in Österreich persönlich in Wien. Geschäftsführer Christoph Kircher nutzte die Gelegenheit zu einem Interview mit dem charismatischen Kanadier und Erfinder der Datenintegrationsplattform.
Christoph Kircher: Don, was hat Sie ursprünglich inspiriert, FME zu entwickeln und was überzeugte Sie, dass dieser Ansatz wirklich neu war?
Don Murray: 1993 haben Dale Lutz und ich ein Angebot für ein Projekt in der Forstindustrie in British Columbia mit dem Fokus auf Datenaustausch abgegeben. Ich war überzeugt, dass es bereits jemanden geben müsste, der sich genau darauf für Geodaten spezialisiert hatte. Aber als wir uns umsahen, stellten wir fest: Diese Lücke existierte wirklich und so haben wir es selbst gemacht.
Etwa zwei Jahre später hatten wir FME in einer wirklich unhandlichen ersten Version vor uns - ohne Workbench natürlich. Und der Name? Der fiel uns mitten in der Nacht ein. Wir hätten wohl etwas länger darüber nachdenken sollen. (lacht)
Christoph Kircher: Auf Ihren Geschäftsreisen besuchen Sie regelmäßig europäische Länder, Partner und Kunden. Welche wesentlichen Herausforderungen sehen Sie in Europa und bemerken Sie Unterschiede zum nordamerikanischen Markt?
Don Murray: Ja, definitiv. In Europa gibt es deutlich mehr Standards. Initiativen wie INSPIRE setzen stark auf Interoperabilität. Wenn ein Datensatz in einem Standardformat wie IFC vorliegt, weiß man, dass man damit arbeiten kann.
In Nordamerika ist das anders: Anbieter sind viel stärker in proprietären Systemen eingeschlossen, und zentrale Regierungen haben oft nicht genug Autorität, um Standards durchzusetzen. In Kanada gibt es für viele Bereiche oft keinen nationalen Standard – es ist fast wie der Wilde Westen. Für uns als Unternehmen, das sich auf Dateninteroperabilität fokussiert, ist das nicht unbedingt ein Nachteil. Es gibt sogar Standards, wo unsere Software die einzige ist, die sie schreiben und lesen kann. Aber insgesamt ist die Standard-Landschaft einer der wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Märkten.
Christoph Kircher: In Österreich und Europa investieren viele Organisationen stark in die digitale Transformation und stehen dabei vor organisatorischen, technischen und kulturellen Herausforderungen. Was sind aus Ihrer Erfahrung die größten Hindernisse?
Don Murray: Die größte Herausforderung ist weniger technologischer Natur – es ist ein „kohlenstoffbasiertes" Problem. Mit anderen Worten: Menschen. Viele mögen schlicht keine Veränderungen, und es kann schwierig sein, alle für neue Technologien und Prozesse zu gewinnen.
Ich persönlich liebe Veränderungen – aber ein guter Change-Manager bin ich nicht. (lacht) Dabei hilft glücklicherweise der Rest des Teams. Oft hängen Menschen sehr an den Werkzeugen, die sie gewohnt sind. Ihnen zu sagen, dass sie etwas, auf das sie sich jahrelang verlassen haben, nun aufgeben sollen, ist keine leichte Aufgabe.
KI ist dafür ein gutes Beispiel. Bei Safe Software sind wir begeistert davon und nutzen sie intern in vielfältiger Form. Ich betone immer wieder: KI wird keine Jobs wegnehmen – sie hilft Menschen, sich auf interessantere und bedeutungsvollere Aufgaben zu konzentrieren. Es gibt immer mehr zu tun, und wenn KI bestimmte Prozesse automatisiert, schafft das Zeit und Raum für andere Tätigkeiten. Die eigentliche Herausforderung der digitalen Transformation ist also meist nicht die Technologie – sondern sicherzustellen, dass das Team bereit und in der Lage ist, den Wandel mitzutragen.
Christoph Kircher: FME ist in GIS-Abteilungen bestens bekannt – aber IT-Abteilungen haben oft noch nie davon gehört. Wenn man erklärt, FME könne „fast alles", klingt das schnell zu gut, um wahr zu sein. IT-Architekten bevorzugen oft spezialisierte Tools mit klarem Fokus. Wie geht Safe Software damit um?
Don Murray: Das ist definitiv eine Herausforderung. Dazu kommt: Wer FME einmal für ein bestimmtes Problem einsetzt, nutzt es oft jahrelang genau dafür – ohne zu prüfen, was die Plattform inzwischen alles kann. Wenn wir Kunden besuchen und ihnen Funktionen wie Datenvirtualisierung, Automatisierung oder Echtzeit-Streaming zeigen, sind viele völlig überrascht.
Menschen ordnen Dinge gerne in einfache Kategorien ein. Selbst intern muss ich manchmal korrigieren, wenn jemand sagt, wir seien „nur ein ETL-Tool". ETL ist eine Funktion – aber bei Weitem nicht die einzige. Automatisierung etwa ist heute eine der meistgenutzten Funktionen, weil niemand mehr Prozesse manuell anstoßen möchte.
In der IT-Welt gewinnen wir aber zunehmend an Sichtbarkeit, unter anderem durch unsere Präsenz im Gartner Magic Quadrant. Die eigentliche Herausforderung bleibt jedoch, dass IT-Abteilungen oft bereits Enterprise-Integrationsplattformen im Einsatz haben und alles daran ausrichten möchten. Dabei übersehen sie, dass klassische Tools mit der Komplexität von Geodaten oft an ihre Grenzen stoßen.
Christoph Kircher: Sprechen wir über Datenqualität: „Garbage in, garbage out" – das kennen wir im Geodatenbereich nur zu gut. Welche Best Practices empfehlen Sie für nachhaltige und vertrauenswürdige Datenflüsse mit FME?
Don Murray: Datenqualität ist ein Kampf, den man nie vollständig gewinnen wird – aber man darf nicht aufhören, ihn zu führen. Daten veralten von Natur aus: Kunden ziehen um, Adressen ändern sich und plötzlich stimmt die Information nicht mehr.
Was ich besonders schätze, ist der Ansatz automatisierter Prüfungen von Datenqualität. Mit FME Flow lässt sich ein Validierungsservice einrichten, durch den alle eingehenden Daten automatisch geprüft werden – anhand vordefinierter Regeln, mit sofortigem Feedback. Gerade beim Empfang von Daten Dritter ist das Gold wert: Daten hochladen und sofort wissen, ob sie den geforderten Spezifikationen entsprechen. Google nutzt übrigens einen ähnlichen Ansatz mit FME in einer eigenen Cloud-Umgebung für Datenprüfungen.
Besonders kritisch betrachte ich Datenqualität im Zusammenspiel mit KI. Sie kann enorme Datenmengen effizient verarbeiten, aber sie kann nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden. Fehlerhafte Daten führen direkt zu Halluzinationen. Robuste Validierungsprozesse sind deshalb keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Christoph Kircher: Datenqualität schafft Vertrauen – aber Sicherheit ist heute ebenso kritisch. IT-Penetrationstests und Cybersicherheitsstrategien sind längst Alltag. Wie geht Safe Software mit dieser Herausforderung um?
Don Murray: Wir haben einen langen Weg hinter uns. Am Anfang hatte FME Server überhaupt keine Sicherheitsfunktion – wer die URL kannte, hatte Zugriff. Später wurden Sicherheitsaspekte ergänzt, aber als optionale Funktion, die manuell aktiviert werden musste. Heute ist sie selbstverständlich standardmäßig eingebaut.
Wir haben ein dediziertes Sicherheitsteam und optimieren mit jeder Version kontinuierlich. In FME Flow können Benutzer keine beliebigen Befehle ausführen, alle Parameter werden standardmäßig als reiner Text behandelt. Dazu kommen SAML-Unterstützung, eine Neugestaltung von FME Flow sodass keine Token mehr in URLs erscheinen, und die geplante Einführung von OAuth-Authentifizierung.
Seit unseren Anfängen hat sich die Welt in Bezug auf Sicherheit deutlich verändert, und wir haben uns entsprechend angepasst.
Christoph Kircher: Sobald Qualität und Sicherheit als Fundament stehen – wie entwickelt Innovation die Dinge weiter? Welche Rolle spielen KI und maschinelles Lernen in der Evolution von FME?
Don Murray: Wir experimentieren seit fast zwanzig Jahren mit KI – aber generative KI war ein echter Wendepunkt. Als wir sie zum ersten Mal sahen, war sofort klar: Das ist etwas völlig anderes.
Wir wollen Organisationen ermöglichen, jede KI zu nutzen, die sie möchten – ob Databricks, Snowflake oder andere. Wir sorgen dafür, dass ihre Daten zur bevorzugten KI-Plattform gelangen.
Ein konkretes Beispiel ist der bald erscheinende MCPCaller-Transformer: Damit können Benutzer jeden FME-Workspace mit KI teilen – die KI interagiert damit und liefert Ergebnisse zurück. Das zugrundeliegende Model Context Protocol wurde ursprünglich gar nicht als KI-Tool konzipiert, hat sich aber als äußerst flexibel erwiesen. FME wird dadurch zunehmend zum Orchestrator – es steuert den Fluss von Workspaces, die teils auf KI-Prozesse im Hintergrund warten, und ermöglicht so komplexe, kaskadierende Automatisierungen.
Christoph Kircher: Wie sehen Sie die Veränderungen in der Geoinformatikbranche im kommenden Jahrzehnt, und welche Rolle hofft Safe Software bei der Gestaltung dieser Transformation zu spielen?
Don Murray: Daten werden weiterhin an Bedeutung gewinnen. KI braucht Daten, und gemeinsam werden KI und Daten Branchen neu gestalten und die Produktivität steigern. Ein Großteil unserer Entwicklung und zukünftiger Ankündigungen wird darauf ausgerichtet sein, uns von einem Integrationsunternehmen zu einem Orchestrierungsunternehmen weiterzuentwickeln.
Christoph Kircher: Safe Software hat zuletzt bedeutende Veränderungen erlebt – Eigentümerwechsel, Rebranding, Preisanpassungen, neues Abonnementmodell. Für langjährige Kunden ist Vertrauen in Kontinuität wesentlich. Wie können sie sicher sein, dass die Kernwerte von Safe Software unverändert bleiben?
Don Murray: Mein Mitgründer Dale entschied sich nach 30 Jahren, zurückzutreten. Da ich nicht die Mittel hatte, seinen Anteil selbst zu übernehmen, holten wir JMI als Eigenkapitalpartner ins Boot. Gleichzeitig hatten wir ohnehin geplant, unsere Desktop-Produkte zu vereinheitlichen. Das neue Abonnementmodell ermöglicht es Kunden, ihre Nutzung flexibel zu skalieren. Unser Versprechen dabei ist klar: Wer heute zehn Engines nutzt, hat auch nächstes Jahr Zugang zu zehn Engines – ohne große Preissprünge. Das ultimative Ziel bleibt unverändert: FME soll die Technologie sein, die unseren Kunden den größten Wert bietet. Daran hat sich nichts geändert.
Christoph Kircher: FME hat eine beeindruckende Reise hinter sich – vom einfachen Konverter zwischen DWG und Shapefile zur unternehmensweiten Datenintegrationsplattform. Wie sehen Sie die Zukunft der Datenintegration?
Don Murray: Es gibt noch viel zu tun. Ein zentrales Thema auf unserer Roadmap ist Data Lineage: Woher stammt ein Datensatz, was hat ihn erstellt, wo wird er verwendet? Wir arbeiten daran, FME Daten-zentrierter zu machen, anstatt Workspace-zentriert. Künftig sollen Organisationen jeden Datensatz anklicken und sofort sehen können, woher er kommt und wo er im Einsatz ist.
Das hat auch einen handfesten wirtschaftlichen Nutzen: Man könnte entdecken, dass die Organisation für Daten bezahlt, die niemand verwendet – oder verstehen, warum bestimmte Daten schlicht nicht genutzt werden. Data Lineage wird zunehmend zu einem entscheidenden Thema.
Christoph Kircher: Herzlichen Dank für das Gespräch, Don!
Christoph Kircher, Geschäftsführer von axmann geoinformation im Gespräch mit Don Murray, Gründer und CEO von Safe Software. Fotos © studionext







